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Lost in Moldawien – Ein Reisebericht

„Wenn du damals damit angekommen wärst, würden wir uns jetzt nicht mehr kennen“, so lautete der Kommentar meines besten und ältesten Freundes angesichts meiner jüngsten Errungenschaft, einer BMW R100R. Baujahr 1992.

Langjährige Freundschaften sind mit dem Privileg schonungsloser Offenheit ausgestattet. Meine Freundin hatte er beispielsweise 1992 als „nett“, „nicht zu dünn” und „keine zukünftige Nobelpreisträgerin” bezeichnet. Er hatte nicht Unrecht.

Und auch 22 Jahre später lag sein freundschaftlich offener Kommentar nicht komplett daneben: „Eine BMW R100R?? Boxermotor, 60PS, Kardanwelle, Koffersystem. Eine Gummikuh, damals und heute hässlich wie die Nacht? Sonst alles in Ordnung beidir?“

Die BMW war damals quasi der Fiat Multipla des Jahres 1992. Wir fuhren Fireblades oder Kawasaki ZXR 750 oder RD 350.Eine BMW? Undenkbar. Undenkbar in den 90ern und auch undenkbar für alle Zukunft. Und jetzt sind gerade einmal 22 Jahre vergangen, da stehe ich mit dem Spießertraum vor seiner Tür.
Die Lebenserfahrung zeigt, dass man in der Vergangenheit IMMER dümmer war, als man zu sein glaubte. Für unseren Motorradgeschmack galt das damals aber nicht: Die RIOOR war und ist nun mal wirklich hässlich! Also WIRKLICH.

Was ist also passiert, dass ich 22 Jahre später in diesem damaligen Klassenfeind-Motorrad MEIN Motorrad für die kommenden Jahre zu entdecken meinte?

Es ist, so meine Analyse nach etwas Nachdenken, das Phänomen des zeitversetzten Perspektivwechsels: ALLE die ich kenne, möchten bei der heutigen Betrachtung ihrer Fotos der 80er und 90er Jahre, ihrem damaligen Friseur gerne nachträglich mit einer Zivilklage beikommen.

Schönheit, Design, Mode sind nun mal immer Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes, Mileus und persönlichen Entwicklungsstandes und der Haltung.

Man könnte also annehmen, dass auch die ästhetische Bewertung einer BMW R100R im Laufe von 22 Jahren eine 180 Grad Wende zu vollziehen vermag.
Hat sie aber nicht.

Die R100R im Originalzustand ist auch heute noch nur sehr schwerlich als schön
zu bezeichnen. Zumindest nicht, wenn man ihr nicht ein kleines wohlgesetztes, quasi photoshop mäßiges Facelift verpasst. Meine R100R fand ich in ihrer ganzen Langweiligkeit und Unauffälligkeit bei Harry Zager, dem Händler meines Vertrauens in Bremerhaven. Vielleicht auch weil Bremerhaven der Ort meiner von allerlei pubertären Verwirrungen begleiteten Erwachsenenwerdung ist, entwickelte ich trotz ihrer Häßlichkeit sofort ein wohlig-nostalgisches Gefühl für den Haufen Eisen.

Er erinnert mich irgendwie an mein Bonanza Rad, samstägliches Baden, 80 Kubik Mopeds, meinen Konfirmationsanzug, den ersten Geschlechtsverkehr und sogar an Helmut Kohl. Alaso an all die schönen (Bonanza Rad, Baden) und schreckliche Dinge (Konfirmationsanzug, Helmut Kohl) meiner Jugend. An erste Erfolge (80er) und schlimme Niederlagen (erster Geschlechtsverkehr). Also an all die jungfräulich ersten Erlebnisse, mit denen man eigentlich immer überfordert war, die in ihrer Ein- und Erstmaligkeit aber so nie wieder kommen würden.

Leider hatte man davon damals, wie von quasi allem, keinen blassen Schimmer. Die meisten dieser Erlebnisse liegen zeitlich sogar deutlich vor dem (Bau-)Jahr 1992. Trotzdem erinnert mich das hässliche Bremerhavener Ding an die prägenden Jahre der meiner cirka 15 Jahre währenden postpubertären Phase. An Zeiten ohne Internet, Handy, Email. Zeiten mit gelben Telefonzelle, Autofenster zum Kurbeln, Fernseher ohne Fernbedienung und Frauen, die in der Küche standen. Alles war irgendwie betulich, langsam und langweilig. Alles also eigentlich gut. Und genau das ist wohl der Grund, warum ich die etwas verloren im Showroom oxldierende R100R quasi sofort mochte,

Dieses Motorrad ist eine Erinnerung an die Jugend

Es entschleunigt die Zeit. Und sie ist ein Baukasten, an dem Mann zur Not noch selber bauen kann. Es ist dabei solide und zuverlässig. Ohne neumodischen Schnickschnack fährt sie wie eine Schiffschaukel und ist irgendwie angenehm aus der Zeit gefallen,

Es ist eine BMW. Und BMW fuhren damals höchstens die Erwachsenen. BMW, das muss man zugestehen, hat sich in den letzten 22 Jahren so gewandelt, dass der blau-weiße Propeller auf dem Tank mittlerweile sogar ein gutes Maß an Coolheit besitzt. Wobei nicht klar zu definieren ist, wer sich mehr gewandeit hat: BMW oder wir selbst?

So oder so, ich mag das Teil also. Selbst wenn, oder gerade weil, es so beschissen aussieht, wie meine Frisur und die lächerliche Perlen-Halskette 1992.

Zum Glück kann man Motorräder ja ebenso ändern wie Frisuren. Für Haare, Motorräder und Schmuck gilt im Alter: Weniger kann mehr sein.

Das Projekt der kommenden Monate/Jahre ist es, anhand dieser RIOOR zu verdeutlichen, dass aus all denen, die 1992 nicht cool genug für diese Welt waren, noch was zu machen ist, wenn man die Sache mal mit der Erfahrung des Alters angeht.

Aus der verlachten und geschmähten BMW R100R des Jahres 1992, aus diesem unförmigen Entlein soll, so der Plan, nach und nach ein schöner Schwan erwachsen. Stellvertretend für alle Jungs (ich spreche von einem Freund), die in der Pubertät wegen zu vielen Pickel, zu wenig Kohle, keinem Auto, endlich einem Auto, aber kein Cabrio, Ejaculation praecox und anderen Widrigkeiten bei der Frau ihrer Träume abgeblitzt oder sitzen gelassen worden sind (Anja, lieben Gruss) und nun der doofen Kuh noch mal zeigen wollen, was damals schon in ihnen steckte.

Sie, also die doofe Kuh, wird es auch diesmal nicht verstehen, aber das soll sie ja auch gar nicht mehr.

Es geht hier um uns und es geht um Verwandlungsprozesse. Am Ende der Arbeiten soll ein schönes, herzerwärmendes, 1992 hätten wir gesagt affengeiles, Motorrad stehen. Eine kleine Reminiszenz an unsere ersten eigenen (Motorrad-)Jahre, als noch alles den Zauber des Neuen hatte und nach Abenteuer duftete.

Zu Beginn dieser Metamorphose wollen wir aber das machen, wozu ein Motorrad da ist und wie wir die größte Bindung zu ihm finden: Auf eine Reise gehen.

Eine Old-School-Motorradtrip in die eigene Historie.

In diesem Fall, soviel sei gesagt, auf die schönste, emotionalste, prägenste, großartigste Motorradreise meines Lebens.

Mehr dazu in Teil II.

Stay tuned, if you like.

 

LOST IN MOLDAWIEN, Teil II

Lost in Moldawien oder: Wie ich mein Motorrad lieben lernte.

Mit dem Motorrad ist es wie mit den Beziehungen. Natürlich ist die Schönheit des Partners von nicht unentscheidender Bedeutung. Für die Dauerhaftigkeit der Liebe ist es aber von größerer Bedeutung, dass man in der Lage ist, gemeinschaftlich durch Höhen und Tiefen zu gehen, sich aufeinander verlassen kann und auch in der Partnerschaft dem Leben gegenüber neugierig und aufgeschlossen zu bleiben.

Mittlerweile hat meine BMW R100R aus dem Jahre ´92 eine doch angenehme äußerliche Gestalt erhalten. Für die Bewältigung des Lebens ist das Äußere aber bekanntermaßen nur von geringer Bedeutung. Ob man das gemeinschaftliche Leben auf Dauer wird bewältigen können, testet man am besten, wenn man die noch junge Beziehung einem kleinen Extremtest unterzieht.

In der vergangenen Folge habe ich darüber berichtet, wie aus dem häßlichen Entlein der beginnenden 90er Jahre durch starkes Zupfen am Gefieder zwar noch nicht der schönste Schwan der Gegenwart erwachsen ist, aber doch immerhin ein halbnacktes, scharfes Gerät, dass den Eindruck macht, als könne man mit ihm interessante Zeiten verleben. Besonders wenn man bedenkt, wie wir unsere Beziehung begonnen haben.

Was liegt also näher, als die frische Beziehung gleich zum Start mit einem veritablen Abenteuer zu beginnen? Gemeinschaftlich auf in den wilden Osten!

Frisch aus der Werkstatt kommend, führten mich die ersten 5000 km mit meiner neu gestylten Gummikuh aus dem Jahre 1992 bis an das schwarze Meer und zurück.

Zumindest fast, aber dazu später mehr…

In vielerlei Hinsicht eine Reise in die Vergangenheit. Auch in meine eigene.

Ziel meiner Reise ist Bessarabien, eine kleine Region in der Mitte von Moldawien.

In Bessarabien wiederum liegt ein kleines Dorf namens Albota. Und in diesem kleinen verlassenen Nest ist mein Vater geboren.

Ein Ort und ein Name, der mich in meiner Jugend begleitet hat. Ein Ort den ich nie gesehen habe, der aber eine Bedeutung für mich hat. Ein Teil von mir, von dem ich eine Vorstellung habe, die ich endlich mit der Realität abgleichen musste.

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Anfang des 19 Jahrhunderts, am 29. November 1813 erließ der russische Zar Alexander I. ein Manifest, das deutsche Siedler bei einer Ansiedlung in Bessarabien zahlreiche Privilegien versprach. Unter anderem bekamen sie Land geschenkt und zinslose Kredite gewährt. Zudem wurde ihnen garantiert, dass sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft behalten und sich selbst verwalten dürfen. Angelockt von einem eigenständigen, besseren Leben, siedelten die Vorfahren meines Vaters aus dem Schwäbischen um in die unbekannte Weite Bessarabiens.

Im Zuge des 2. Weltkriegs flohen die Deutschen aus Bessarabien „Heim ins Reich“. Mein 14jähriger Vater führte seine Geschwister in einer monatelangen, ziellosen Odyssee durch halb Europa, bis sie in einem kleinen Ort an der norddeutschen Küste, meinem späteren Geburtsort, eine neue Heimat fanden.

Die Geschichten der Flucht, die Fremdheit Bessarabiens, die alten mitgebrachten Bräuche faszinierten mich während der gesamten Kindheit. Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich wissen, wie dieses fremde Land zum Charakter, zur Persönlichkeit meines Vaters beigetragen hat. Und, soviel sei gesagt, am Ende meiner Reise habe ich ihn und somit auch mich besser verstanden.

Ich habe mich mit dem Motorrad auf die Reise gemacht, da ich zumindest ein wenig verstehen wollte, welche Entfernung mein Vater auf seiner Flucht in die Heimat zurück legen musste. Ich wollte die Regionen sehen, die er vor Jahrzehnten durchquert hat. Ich wollte erleben und erfahren, wie sich Land, Landschaft und Menschen verändern, wenn man auf dem Weg gen Osten ist.

Die beste Art diese Erfahrungen zu machen, ist die Reise mit dem Motorrad.

Ich hielt es auf dieser Tour aber für unangemessen, dafür ein modernes Reisemotorrad zu verwenden.

Es sollte eine nostalgische Reise werden und ich wollte daher ein nostalgisches Motorrad und eine nostalgische Art des Reisens. Kaum Gepäck, keine vorgeplante Strecke, noch nicht einmal moderne Gore-Tex Bekleidung. Mit einer Lederjacke einer Motorradjeans und der guten, alten Gepäckrolle machte ich mich daher auf den Weg gen Osten.

Auf den Weg zu den Wurzeln meines Vaters.

Es sollte die beste, aufregendste, erinnerungswürdigste Tour meines Lebens werden. Und sie sollte dazu führen, dass meine BMW R100R uns niemals im Leben wieder trennen werdenThomas Hübner, unser Lieblingshändler aus Cottbus staunt nicht schlecht, als ich mit dem Boxer im Gepäck auf den Hof schubbere. Da die deutschen Autobahnen doch eher freudlos sind, steht mein neues Gefährt auf der Fahrt nach Cottbus hoch und trocken auf dem Hänger. Thomas ist aus alten DDR-Zeiten mit hohem Wagemut und Improvisationskunst gesegnet, aber mein Plan auf einen 5000 km Trip durch die ehemals sozialistischen Bruderländer mit einem ebenso nostalgischen wie unerprobten Fahrzeug, führt doch zu anhaltenden Kopfschütteln. Erst recht, als ich ihn bitten muss, dass sein Mechaniker doch noch mal nach der mit Schellen befestigen Gepäckträgerverlängerung schauen möge. 60min Kopfschütteln, ein paar Schwünge mit dem Schraubenzieher und einen guten Kaffee später mache ich mich auf den Weg zur Grenze.

Gibt es etwas Schöneres, als den Einstieg in das eigene, kleine Abenteuer? Zeit für etwas Neues! Den fernen europäischen Osten hatte ich noch nie erfahren.